Christian Bachmann, Freie Wähler

Christian Bachmann, Freie Wähler, Einkaufsleiter, 1974

1. Wie nehmen Sie die Feuerwehr Wiesbaden wahr? Was läuft gut, was läuft schlecht?

Seitdem ich in Wiesbaden lebe (2007) habe ich von keinen nennenswerten negativen Vorkommnissen der Wiesbadener Feuerwehr erfahren oder gehört. Es zeigt mir, dass die Feuerwehr hier in Wiesbaden eine gute und solide Arbeit leistet. Rettungskräfte, die ihr Leib und Leben aufs Spiel setzen um anderen zu helfen, treten selten ins Rampenlicht. Diese grundsätzliche Charaktereigenschaft ist bewundernswert. Auch sind die örtlichen Feuerwehren unheimlich wichtig im gesellschaftlichen Leben der Stadtbezirke und aktive Teil bei Festen und den Quartiersgemeinschaften.

Schlecht läuft die Personalsituation im Haupt- und Ehrenamt. Durch immer länger werdende Arbeitswege und immer weniger Arbeiter und Angestellte “am Ort”, schlittern wir auf mittel- und langfristige Probleme zu unseren guten Sicherheitsstandard zu halten. Doch dazu später noch ausführlicher.

2. Was ist die erste Maßnahme, die Sie bei der Feuerwehr durchführen wollen?

Wir brauchen mehr Personal und mehr Entlastung. Ohne Ehrenamt in der Feuerwehr ist das nicht zu stemmen. Um auch die wertvolle Arbeit der freiwilligen Feuerwehr aufzuwerten, würde ich sehr gerne dieses Ehrenamt mehr bewerben. Eine groß angelegte Kampagne wäre ein erster Schritt, um mehr Nachwuchs anzuwerben.

3. Sven Gerich hat das Amt 37 (Feuerwehr) wieder ins Dezernat I geholt und damit zur Chefsache gemacht. Soll es dabei bleiben?

Ja, als Chef der Verwaltung möchte ich höchsten Wert auf die Zufriedenheit der MitarbeiterInnnen der Stadt Wiesbaden legen. Sven Gerich hat hier gute Arbeit geleistet. Ich möchte aber grundsätzlich, dass das Handeln des Oberbürgermeisters mehr nach Innen wirkt. Außenwirkung mit viel Glanz und Gloria liegt mir nicht. Nur eine zufriedene Feuerwehr mit guter Führung und motivierten Feuerwehrleuten kann gewährleisten, dass die Stadt funktioniert und in Notfällen auch entsprechend handeln kann.

4. Der Haushaltsansatz im Amt 37 hat sich in den letzten fünf Jahren um 5 Mio. € erhöht. Können Sie diese Linie fortsetzen oder muss sich auch die Feuerwehr auf Sparmaßnahmen einstellen? Wenn ja: wo sehen Sie Einsparpotential?

Solange es einen Mehrbedarf in Amt 37 gibt, solange hat dies in meinen Augen Priorität vor vielen freiwilligen Leistungen, die wir in der Stadt Wiesbaden haben. Das Wetter wird zunehmend unberechenbarer, neben mehr Dürrezeiten, höherer Waldbrandgefahr und wachsenden Überschwemmungsprognosen wächst auch die Bevölkerung (mit den neu geplanten Siedlungsgebieten mit entsprechenden Flächenversiegelungen) in der Stadt zunehmend. Diese Mehrbelastungen dürfen langfristig nicht zu einer weiteren Überbelastung führen. Ein Kulturbeirat oder neue Fahrradwege können im Notfall keinen Brand löschen. Erst muss die Handlungsfähigkeit der Feuerwehr gewährleistet und ausgebaut werden – alles Weitere kann, wenn nötig, dann zurückgestellt werden.

5. Beim Thema Geld: Zahlreiche Einsatzfahrzeuge sind bereits länger im Dienst, als geplant. Ebenso entsprechen einige Gerätehäuser nicht mehr aktuellen Vorschriften oder sind teils marode. Auch die Feuerwache 1 hat die besten Jahre lang hinter sich. Wie soll hier der Investitionsrückstand weiter aufgeholt werden?

Wenn absehbar ist, dass der Zustand der Einsatzfahrzeuge oder Gerätehäuser dazu führt, dass die Arbeit der Feuerwehr nicht mehr reibungslos funktioniert muss dringend gehandelt werden. Sparmaßnahmen auf Kosten der Sicherheit sind verantwortungslos. Wir haben in Wiesbaden an vielen Stellen Sanierungsbedarf, weil jahrzehntelang nichts unternommen wurde. Anstatt Gelder in neue Leuchtturmprojekte zu stecken, möchte ich den Bestand auf Vordermann bringen. Das erregt zwar nicht so viel Aufmerksamkeit wie eine City-Bahn, ein RMCC oder ein Kunstmuseum, aber es ist zwingend notwendig und muss gemacht werden. Wir brauchen nichts Neues, wenn das Alte dadurch vernachlässigt wird.

6. Die Freiwilligen Feuerwehren klagen – besonders tagsüber – über immer weniger Einsatzkräfte. Ein oft genannter Ansatz ist die Zusammenlegung von Feuerwehren – auch aus finanziellen Gründen. Wollen Sie an den 20 Freiwilligen Feuerwehren in Wiesbaden festhalten? Und wie wollen Sie diese stärken?

Wie schon in Frage 2 beantwortet, möchte ich für die Feuerwehr unbedingt mehr Nachwuchs mobilisieren. Man kann nur an den 20 Freiwilligen Feuerwehren in Wiesbaden festhalten, wenn es genug Freiwillige gibt. Wir müssen uns zusammensetzen und überlegen, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, damit das Engagement bei der Feuerwehr, aber auch an anderen Stellen, die für unser Gemeinwohl sorgen, attraktiver wird. Wer sich in diesen Bereichen für die Stadt engagiert soll für seinen Aufwand eine attraktive Entschädigung bekommen – wie wäre es z.B. mit kostenfreien Eintritt in Schwimmbädern oder ähnlichen Vergünstigungen? Diese und andere Ideen müssen zusammengebracht und realisiert werden. Aus finanziellen Gründen ist eine Zusammenlegung der Feuerwehren grundsätzlich abzulehnen. Eine zentralisiertere Feuerwehr bedeutet nämlich, dass bei einem Brand die Einsatzkräfte vielleicht nicht rechtzeitig am Einsatzort sein können – dieses Risiko darf man nicht eingehen, nur damit man ein paar Euro mehr in der Tasche hat.

7. Apropos Personal: Auch die Berufsfeuerwehr kämpft mit einer dünnen Personaldecke inklusive rund 10.000 Überstunden im mittleren Dienst. Zeitweise haben bereits Freiwillige Feuerwehrleute die Personalstärke gesichert um 20.000 Überstunden abzubauen. Wie wollen Sie hier Entlastung schaffen?

Die dünne Personaldecke ist auch ein Ergebnis von fehlenden oder zu vielen ungeeigneten BewerberInnen. Das ist kein spezifisches Problem der Feuerwehr, sondern ein grundsätzliches Problem im öffentlichen Dienst. Es ist also ein gesellschaftliches und ein demografisches Problem. Es gibt einfach zu wenig junge Menschen, die Interesse am öffentlichen Dienst haben und der öffentliche Dienst scheint an sich nicht attraktiv genug zu sein. Und die Feuerwehr selbst hat noch einmal einen Schichtplan, der sich nicht auf Montag bis Freitag und 8 – 17 Uhr einschränkt, sondern rund um die Uhr und am Wochenende und Feiertagen besetzt werden muss. Im Wettstreit um den Nachwuchs steht die Feuerwehr nicht alleine da. Dieses Problem ist nicht von heute auf morgen zu lösen. Aber man könnte Entlastung schaffen, indem man Kompetenzen und Aufgaben hinterfragt, die vielleicht nicht zwingend notwendig sind, damit man sich auf Wesentliches konzentriert. Außerdem trägt der Bevölkerungswachstum in der Stadt dazu bei, dass sich die Aufgaben in der Quantität erhöhen, bei gleich niedriger Personaldecke. Bei jeder Maßnahme, die den Zuzugsdruck nach Wiesbaden erhöht, muss sich die Frage gestellt werden, ob wir überhaupt die Infrastruktur und das Personal haben, um dem gerecht zu werden. Dazu zählt ganz klar auch die Feuerwehr. Ich möchte kein Wachstum ohne Sicherstellung der Grundausstattung. Wenn es möglich ist, müsste auch die Bürokratie im Feuerwehrwesen auf das Mindeste reduziert werden. Es kann nicht sein, dass die Nachbearbeitung eines Einsatzes mehr Stunden und Nerven frisst, als der Einsatz selbst. Für die Verwaltung sind Verwaltungsmitarbeitende da und nicht die Rettungskräfte.

8. Auch viele Rettungsdienste klagen über Fachkräftemangel – können teilweise nicht mehr alle Rettungswagen adäquat besetzen. Wie soll die Stadt Wiesbaden bzw. das Amt 37 als Träger des Rettungsdienstes hier gegensteuern?

Siehe Frage 7

9. Wie wollen Sie die Feuerwehr Wiesbaden zukunftssicher aufstellen?

Sanieren, Modernisieren, Nachwuchs mobilisieren, Finanzieren

10. Was ist Ihre Nachricht an die Einsatzkräfte in Wiesbaden?

Ich möchte mich nicht als OB-Kandidat, sondern als Christian Bachmann, einfacher Bürger und Vater von drei Kindern bei allen Einsatzkräften in Wiesbaden für ihr alltägliches Engagement bedanken.

Alle hauptamtlichen und ehrenamtlichen Rettungskräfte erweisen unserer Gesellschaft einen Dienst, der nicht oft genug erwähnt und gelobt werden kann. Wenn ich mir vorstelle, dass meinen Kindern etwas passiert und keiner da ist, der im Notfall hilft, dann fühle ich mich hilflos und ausgeliefert.

Umso mehr macht es mich wütend und traurig, wenn ich fast tagtäglich lesen und hören muss, dass Respektlosigkeit, Anfeindungen und sogar gewalttätige Übergriffe gegenüber Rettungskräften zur Normalität geworden sind. Lasst euch davon nicht unterkriegen! Ich bin stolz und überaus glücklich darüber, dass im Notfall die Einsätze so reibungslos laufen und die WiesbadenerInnen sich in guten Händen befinden. Damit das auch so bleibt, wünsche ich mir, dass die Stadtgesellschaft, aber auch die Stadtpolitik Euch die Unterstützung gibt, die ihr braucht!