„Notruf Feuerwehr Rettungsdienst Wiesbaden“ – Die Integrierte Leitstelle der Feuerwehr Wiesbaden

(thg) Der Grundstein wurde bereits gelegt und in wenigen Monaten wird sie auch in Betrieb genommen – die neue integrierte Leitfunkstelle der Berufsfeuerwehr Wiesbaden. Dies nahmen wir zum Anlass dafür, die „alte“, über viele Jahre im Dienst stehende Leitstelle zu besuchen und über die Arbeit der Disponenten zu berichten.


Die „Leitfunkstelle Wiesbaden“ ist als kommunale Selbstverwaltung zuständig für das gesamte Stadtgebiet inklusive aller Vororte. Der Funkverkehr wird auf zwei 4m-Kanäle über eine Relaisstelle abgewickelt, wobei die Feuerwehr den Kanal 464 und der Rettungsdienst den Kanal 471 belegt. Im Notfall oder für größere Übungen steht noch ein Ausweichkanal zur Verfügung. Wegen der vielen Alarmierungen der Rettungsdienstfahrzeuge, wäre sogar ein extra Kanal wünschenswert, da sich die ständigen 5-Tonfolgen und Durchsagen sehr störend auf den regulären Funkverkehr auswirken. Durch die absehbare Einführung des Digitalfunks wird sich dieses Problem jedoch demnächst selbständig lösen.

„Wir benötigen drei Informationen um handlungsfähig zu sein“, beginnt Rainer Schremmer seine Erklärung zum neuen Abfrageprotokoll, das in diesen Tagen eingeführt wird (Plakataktion zum neuen Abfragesystem beim Notruf 112). Dieses Protokoll soll dem Disponenten mehr Rechtssicherheit geben, der innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden muss, welche Einsatzmittel er an den Ort des Geschehens entsendet um best- und schnellstmögliche  Hilfe leisten zu können. Das „Wo“ und „Was“ sind die beiden elementaren Fragen, mit denen ein Einsatzmittelvorschlag erfolgen kann. Zu guter Letzt wird noch eine Rückrufnummer benötigt um den Anrufer im Bedarfsfall noch einmal kontaktieren zu können.

Die Leitstelle, die im Erdgeschoss der Feuerwache 1 untergebracht ist und  deren Glasfront direkt in Richtung Kurt-Schumacher-Ring zeigt, bietet insgesamt sechs komplett identisch ausgestattete Arbeitsplätze, von denen rund um die Uhr immer drei besetzt sind. Jeder Platz ist gleichberechtigt und von jedem können sowohl Rettungsdienst als auch Feuerwehreinsätze abgearbeitet werden. Ein vierter Mann steht 24 Stunden in Bereitschaft und wird zu Spitzenzeiten bzw. größeren Einsatzlagen, die einen erhöhten Dispositionsbetrieb erfordern, über Funkmeldeempfänger aktiviert.

Bis vor kurzem gab es eine eigene Gruppe von 18 Einsatzbearbeitern, so nennt sich die offizielle Bezeichnung für diesen Aufgabenbereich, die sich um die Abwicklung der etwa 1000 täglichen Anrufe kümmerte. Heute ist diese Gruppe in die Wachabteilungen integriert, d.h. die Leitstelle wird mit Personal aus einem Pool der diensthabenden Wachabteilung besetzt. Hierbei handelt es sich um eine Probephase, die noch bis Ende dieses Jahres laufen soll. Bei unserem Besuch in den Abendstunden, waren die Arbeitsplätze mit den Kollegen Michael Freiler und Gregor Broschinski von der Berufsfeuerwehr sowie dem Rettungsassistent Frank Hartung vom ASB Wiesbaden besetzt. Michael Freiler, Schichtführer der dritten Wachabteilung, erklärte uns die Technik die einem Disponenten zur Verfügung steht, direkt an einem dieser Plätze.

Die komplette Kommunikation läuft über eine rechnergesteuerte Telefonanlage vom Typ NORUMAT. Sie bietet insgesamt 8 Notrufleitungen für die Nummern 112 und 19222 sowie zwei zusätzliche Leitungen für AKK (Amöneburg/Kastel/Kostheim) und Wallau. Dies liegt an den gleich vergebenen Vorwahlnummern der Ortschaften. Über die vorhandenen Bildschirme lässt sich somit per Mausklick schnell Kontakt zu allen wichtigen Behörden, Organisationen, Krankenhäusern und benachbarten Leitstellen herstellen. Dies erspart Zeit bei der Suche nach Telefonnummern. Ebenso steuert die Telefonanlage die Haussprechanlage, das Haustelefon sowie eingehende Notruf-Faxe.

Der Einsatzleitrechner sowie die Einsatzdatenverwaltung arbeiten über die Software COBRA, die auf mehreren Bildschirmen verteilt, alle nötigen Informationen über Fahrzeuge, Verfügbarkeiten, Standorte sowie Eingabemasken bereit hält. Durch frei verschiebbare Fenster, kann sich jeder Einsatzbearbeiter seinen persönlichen Bildschirm einrichten, mit dem er optimal arbeiten kann.

Im Normalfall werden Notrufe am Arbeitsplatz 1 mit der Meldung „Notruf Feuerwehr Rettungsdienst Wiesbaden, wo genau ist der Notfallort?“ entgegengenommen, in der Eingabemaske dokumentiert und abgespeichert. Der Einsatzbearbeiter an Arbeitsplatz 2, arbeitet dann die angelegten Einsätze ab, alarmiert die Fahrzeuge und disponiert sie. Die Arbeitsplätze 1 und 2 werden wechselweise von Berufsfeuerwehr und Hilfsorganisationen (DRK bzw. ASB) besetzt. Der Wechsel erfolgt alle 24 Stunden morgens um 6:00 Uhr.

Da alle Rettungsdienstfahrzeuge mit GPS-Unterstützung fahren, arbeitet der Einsatzleitrechner mit einer geodifferenzierten Alarmierung, d.h. das System wertet die aktuellen GPS-Signale aus und schlägt als Einsatzmittel das nächstgelegene Fahrzeug vor. Dies kann dann vom Einsatzbearbeiter so akzeptiert und übernommen werden, muss es aber nicht zwingend. Letzten Endes entscheidet ausschließlich der Disponent wo welche Fahrzeuge hinfahren. Dem eingesetzten Rettungsmittel werden dann die Koordinaten der Einsatzstelle in ein Navigationsgerät übermittelt, um eine zuverlässige und schnelle Anfahrt zu gewährleisten. Zusätzlich wird hier noch der internistische Bettenschlüssel der drei Wiesbadener Krankenhäuser geführt, um eine gleichmäßige Verteilung der Patienten zu gewährleisten.

Auf unserer Frage, was diese Arbeit so interessant macht, antwortete uns Frank Hartung: „Das Abwechslungsreiche! Man muss sich immer wieder neu auf den Anrufer einstellen und das Hilfesuchen entgegennehmen. Es ist wichtig alles richtig zu verstehen, was durch die Sprachbarriere oftmals sehr schwierig ist“.
Probleme macht außerdem das hohe Anspruchsdenken mancher Anrufer, die für einen Hexenschuss sofort einen Notarzt geschickt haben wollen. Dabei muss vom Disponenten entsprechend abgewägt werden, ob es sich bei dem gemeldetem Notfallbild tatsächlich um eine Indikation für einen Notarzt handelt, oder ob die Entsendung eines Rettungswagens, bzw. die Weitergabe des Einsatzes an den hausärztlichen Vertretungsdienst ausreichend ist.

Feuerwehreinsätze werden über den Arbeitsplatz 5 abgewickelt, an dem der anwesende Schichtführer sitzt. Die Fahrzeuge der Feuerwehr fahren ohne GPS-Technik und werden deshalb durch den Rechner auf Grund ihres eigentlichen Standortes und des Einsatzstichwortes nach AAO (Alarm- und Ausrückeordnung) vorgeschlagen. Auch hier ist der Disponent nicht zwingend daran gebunden und kann, nach seiner eigenen Abschätzung und Erfahrung, Fahrzeuge aus der Alarmierung heraus oder dazu nehmen. „Multitaskingfähigkeit ist hier Pflicht. Wenn alle Telefone gleichzeitig klingeln und man über Funk auch noch angesprochen wird, muss man den Kopf behalten“, beschreibt Michael Freiler seine Arbeit. Dies gilt vor allem bei größeren Einsatzlagen sowie beim Fahren des Unwetterprogramms, wie wir es vor einigen Wochen beim Sturmtief Xynthia erlebt haben.

„Beim Unwetterprogramm läuft hier alles komplett anders“, erklärt uns Schremmer die Situation, wenn die Drähte in der Leitstelle heiss laufen. Hier kommt dann der Arbeitsplatz 6 ins Spiel, hinter dem sich mehrere, seitlich verschiebbare Tafeln befinden, auf denen die Disposition der anfallenden Einsätze abläuft. In diesem Fall gibt es  im Einsatzleitrechner eine Unwetterkonfiguration. Dabei werden alle angenommenen Notrufe dort abgespeichert, jedoch manuell disponiert. Anrufe werden dann über alle verfügbaren Arbeitsplätze entgegengenommen, wenn es die Situation erlaubt, auch über  Platz 1 und 2. Die  Meldungen werden gesichtet und nach Dringlichkeit eingestuft. Entsprechend erfolgt dann die Abarbeitung der Einsatzstellen. Ein umgekippter Baum auf einer Landstraße, liegt in der Priorität natürlich weit hinter dem Baum der auf dem Auto liegt, in dem sich womöglich noch eine Person befindet.

Alle Einsätze werden auf magnetischen Clipboards gesammelt und an die Magnetwand gehängt. So hat man einen guten Überblick über noch offene Einsätze. Die Fahrzeugzuordnung erfolgt ebenfalls mit kleinen Magnetschildern, auf denen der Funkrufname des Fahrzeuges steht und neben das entsprechende Clipboard gehängt wird. Außer dieser Magnetwand, findet man noch viele andere nützliche Karten, wie z.B. einen Übersichtplan des Industrieparks Kalle-Albert, eine Bahnnetzkarte sowie eine riesige Stadtkarte von Wiesbaden mit unterschiedlichen Koordinatensystemen, je nach dem welches gerade benötigt wird.

Im hinteren Bereich der Leitstelle, getrennt durch eine Glasfront, befindet sich der Pausenbereich der Mannschaft, sowie der Arbeitsplatz des Lagedienstes. Ausgestattet mit PC, Telefon und Internetanschluss, übernimmt dieser organisatorische Aufgaben des Einsatzleiters vor Ort, die von dort aus schlecht zu überblicken sind und entlastet ihn somit erheblich. „Wo bekomme ich mitten in der Nacht Spezialbeton her, um ein Bohrloch verschließen zu können…?“, beschreibt Schremmer solch eine typische Aufgabe des Lagedienstes und spielt damit auf die Bohrlochpanne am Finanzministerium an. „Um so etwas kann sich der ELD vor Ort nicht kümmern und braucht deshalb diese Unterstützung“, macht Schremmer uns die Wichtigkeit der Aufgabe des „Einsatzleiters in der Leitstelle“ klar.

In den Arbeitsplatz von Freiler ist auch die Brandmeldeanlage (BMA) integriert, die eingehende Alarme von Gebäuden, Geschäften, Banken oder anderen öffentlichen Einrichtungen mit deutlichem optischen und akustischen Signal anzeigt, wie wir selber wenig später noch live miterleben durften.

Denn genau um 20:37 Uhr ertönte ein schriller Alarmton durch den Raum und signalisierte über die BMA einen eingelaufenen Brandmelder in einem großen Kaufhaus in der Fußgängerzone. Sofort löste Michael Freiler die Hausmelder und den Alarmgong der Wache 1 aus und gab über die Lautsprecher der Hausanlage den Einsatzauftrag sowie die eingesetzten Fahrzeuge bekannt, die dann Augenblicke später aus den Toren der Fahrzeughalle in Richtung Einsatzort eilten.

Wir danken den anwesenden Kollegen der dritten Wachabteilung, dem Leitstellenteam sowie Herrn Schremmer für die vielen Informationen und die Zeit, die man sich für uns genommen hat.




Redaktion: Thorsten Grüner
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Veröffentlichung: 29. April 2010 - 09:09 Uhr
Letzte Aktualisierung: 26. Oktober 2015 - 05:17 Uhr
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