Gastbeitrag: Kommunikation rund um Großeinsätze

rauch

Katastrophe oder „nur ein normales Feuer“?

Von Matthias Ott: Großereignisse sind in aller Munde

Große Schadenereignisse sind, auch bei Einsatzkräften von Feuerwehren und Hilfsorganisationen, schnell in aller Munde. Insbesondere bei dynamischen Lagen, die schon in der ersten Einsatzphase ein großes Medienecho mit sich bringen, kommen da auch viele Unsicherheiten und Spekulationen auf. „Werden wir noch alarmiert?“ ist dabei eine der ersten Fragen, die sich oft stellt. Infos aus den sozialen Netzwerken, wie etwa eine Twitter-Meldung, dass die Nachbarwehr gerade alarmiert wurde, bestärken das noch. Dabei stellt sich im Nachhinein nicht selten heraus, dass ein „Voralarm“ nichts anderes war als eine Info per Whatsapp und ein „Alarm“ manchmal nur ein spontanes Einfinden auf der Wache in Erwartung eines Alarmes, der dann vielleicht doch nicht kommt.

Schnell wird dann auch mal die Durchfahrt von Einsatzmitteln, ohne Kenntnis des wirklichen Ziels, mit Verweis auf den Großeinsatz weiter geteilt: „Der Löschzug XY ist grad auch hier durchgefahren“. Dazu kommen Falschmeldungen und Gerüchte über weitere Einsatzstellen, unklare Beobachtungen von unbeteiligten Dritten usw.

Wo ist das Problem?

Das grundsätzliche Problem hat sich bei dem Amoklauf in München gezeigt: Meldungen über soziale Medien, etwa zu vermeintlichen Schüssen am Stachus, müssen überprüft werden, ggf. erfolgen Reaktionen bis hin zu Räumungen und Durchsuchungen. Das bindet Einsatzkräfte, die sicher woanders besser helfen könnten, und beschäftigt die ohnehin belasteten Entscheider zusätzlich. Eine Vielzahl solcher Meldungen führt fast automatisch dazu, dass sich die Leitung starke Reserven schafft, die wiederum alarmiert und zugeführt werden müssen.

Kommen nun Meldungen von Einsatzkräften hinzu, kann dies das Problem verstärken. Wenn der Micha, von dem jeder weiß, dass er in der Feuerwehr ist, noch schnell bei Facebook postet „Jetzt auch in XY im Einsatz“, dann rückt der Einsatz näher an seine Bekannten und Verwandten, mit denen er in den sozialen Netzwerken verbunden ist. Das kann dort zusätzlichen Stress verursachen und macht ggf. noch persönlicher betroffen. Eine noch intensivere Beschäftigung mit dem Ereignis, eine höhere Sensibilität auf neue, eventuell falsche oder übertriebene Meldungen kann die Folge sein. Und wenn die Susi, von der alle wissen, dass sie schon lange im Rettungsdienst arbeitet, irgendwo aufschnappt, dass es schon 100 Tote gibt, und das dann weiter verbreitet, dann denken sich sicher viele „Die muss es ja wissen.“

Kurzum: Dass, was Einsatzkräfte in so einer Situation posten und weitergeben, hat möglicherweise eine andere Qualität als das, was Otto Normal teilt. Kann, muss aber nicht.

Wo wird es richtig kritisch?

Details zur Alarmierung einer Klinik

Details zur Alarmierung einer Klinik

Aus unserer Sicht wird es da richtig kritisch, wo einsatztaktische Informationen von beteiligten Einsatzkräften weiter gegeben werden. Ggf. wissen die Dinge, die außerhalb der Einsatzorganisation noch nicht bekannt sind, oder gar nicht bekannt werden sollen. Und vielleicht wissen sie auch nur die Hälfte oder haben etwas falsch verstanden. So sind uns in Bedrohungslagen schon Posts zum Ausrücken von Kräften, aus Bereitstellungsräumen oder gar von der Einsatzstelle mit Ortsangaben, Stärkemeldungen und Verknüpfung zu den Facebook-Profilen von Helfern untergekommen. Und nicht zuletzt die wildesten Spekulationen, ggf. gepaart mit oft gefährlichem Halbwissen. Zudem gibt es spezielle, sensible Einsatzlagen, bei denen insgesamt recht sparsam mit Einsatzinformationen umgegangen werden sollte. Hier lohnt es sich, mal einzeln darauf zu schauen:

Ortsangaben und Fotos aus Bereitstellungsräumen

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat nach den Anschlägen von New York, Madrid und London die so genannte HEIKAT heraus gegeben. Eine der Kern-Infos an die Einsatzkräfte ist, dass bei Terrorlagen der so genannte „Zweitschlag“, also der gezielte Anschlag auf Einsatzkräfte, eine große Gefahr ist. Bereitstellungsräume, in denen sich viele Einsatzkräfte treffen, sind lohnende Ziele für solche Angriffe. Ggf. müssen sie daher speziell abgesichert werden. Natürlich hilft es dann, wenn die Örtlichkeiten, die aktuelle Belegung und ggf. gar die Schutzmaßnahmen, nicht so schnell bekannt werden.

Stärkemeldungen

Die Anzahl und die Art anrückender Einsatzkräfte können im Falle einer Terror- oder Bedrohungslage eine interessante Information für den oder die Täter sowie ihre Hintermänner sein. Werden beispielsweise bestimmte Rettungsdienstbereiche oder Feuerwachen zeitweise entblößt, würden sich dort Ansatzpunkte für weitere Anschläge finden lassen, denn die Menschen dort wären ja für eine gewissen Zeit schlechter geschützt.

„Fahrzeuge im Bereitstellungsraum“ von

„Fahrzeuge im Bereitstellungsraum“ von „Der Sascha“

Würden Informationen zu herangeführten Spezialkräften öffentlich, könnte das gar die Täter zu entsprechenden Gegenaktionen oder Vorbereitungen veranlassen.

Fotos und Namen von Einsatzkräften

Teile der Presse könnten schnell Interesse an so genannten „O-Tönen“, also Original-Kommentaren, z.B. von Einsatzkräften haben. Werden Informationen über die Beteiligung an einem Einsatz öffentlich bekannt, etwa dadurch, dass Einsatzkräfte während des laufenden Einsatzes „besonders gut“ auf Facebook darüber berichten, sind Kontaktversuche durch die Medien zu erwarten. Postet eine Einsatzkraft z.B. ein Einsatzfoto auf Twitter und versieht es mit dem entsprechenden Hashtag, wird das schnell gefunden und ist ggf. für die Medien interessant. Die Frage nach der Erlaubnis zur Verwendung, aber auch Interviewanfragen können dann die Folge sein. Dabei muss klar sein, dass die Presse- und Medienarbeit an der Einsatzstelle nicht die Aufgabe einer „normalen“ Einsatzkraft ist. Presseinformationen dürfen nur von Beauftragten der Einsatzleitung erteilt werden, damit diese zentral abgestimmt und vor allem verifiziert werden können!

Spekulationen und Halbwissen

Polizei bittet darum, keine Bilder zu verbreiten

Polizei bittet darum, keine Bilder zu verbreiten

Spekulationen, das Weitergegeben von unbestätigten Meldungen und Gerüchten schadet mehr als es hilft! Je höher die Anzahl der Betroffenen und je mehr echte oder vermutete Einsatzstellen, je schlimmer die Ursache und je mehr aktive Täter, um so stärker ist die Wirkung des Einsatzes auf Dritte! Handelt es sich um einen Terroranschlag ist dies genau das, was die Täter erreichen wollen. Es soll möglichst viel Angst und Schrecken verbreitet werden. Auch Menschen, die sich nicht im unmittelbaren Wirkungsbereich des Täters befinden sollen Angst haben, sich verstecken, nicht mehr vor die Tür gehen.

Und nochmal: Wenn Einsatzkräfte, die als solche erkennbar sind, solche „Informationen“ weiter geben, kann das für deren Umfeld nochmals eine andere Qualität haben. Und natürlich gilt das auch im Alltagsgeschäft für die Info, warum da so viele Polizeiautos in die XY-Straße fahren oder warum im Nachbarort die Sirene gelaufen ist. Wenn man es nicht weiß, sollte man erst recht nicht spekulieren!

Der Werther-Effekt

Bei spezielle Einsatzlagen, wie Amokläufen und Suiziden, wäre eine spärliche Berichterstattung das Optimum. Hintergrund ist der so genannte „Werther-Effekt“, benannt nach Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werther“, der zum Zeitpunkt seiner Erscheinung zu einigen Nachahmungen des Suizid der Hauptperson dieses Romans geführt haben soll. In den 1970er-Jahren wurde dieser Begriff in die Medienforschung und Suizidologie eingeführt und gilt einigen Wissenschaftlern als belegt. Wenn auch nicht ganz unumstritten hat er inzwischen Würdigung im Selbstverständnis der Presse gefunden, so dass der Presserat bei Suiziden eine zurückhaltende Berichterstattung empfiehlt, eben um mögliche Nachahmer nicht zu animieren. Findet der Suizid in der Öffentlichkeit statt oder handelt es sich gar um einen Amoklauf wird dies schwer durchzuhalten sein, da das öffentliche Interesse überwiegt. Bei Einsätzen im Tagesgeschäft, wie etwa bei einer Wohnungstüröffnung im Zusammenhang mit einem Suizid schon eher. Da wäre es dann auch an den Feuerwehren bei der Berichterstattung auf ihren Internetseiten entsprechend sensibel vorzugehen und das Vorgehen ggf. mit den Pressestellen der Polizei abzustimmen. Eigenmächtige Postings von beteiligten Einsatzkräften verbieten sich aus unserer Sicht ohnehin und hier auch aus Rücksicht gegenüber den Betroffenen und deren Angehörigen erst recht!

Was sind die Ursachen?

Privatperson „ergänzt“ Meldung der Feuewehr um den Hinweis, die Autobahnen nicht zu benutzen

Privatperson „ergänzt“ Meldung der Feuewehr um den Hinweis, die Autobahnen nicht zu benutzen

Eine davon ist physiologisch: Adrenalin! Einsatzkräfte, aber auch Menschen, die eine Fülle von Informationen aus dem Medien erhalten, können ähnliche Stressreaktionen erleben wie Menschen, die direkt vor Ort sind. Dabei ist sowohl die aktuelle, persönliche Situation und Konstitution von Bedeutung wie auch die tatschliche oder angenommene Beteiligung. Bei Einsatzkräften kann die eigenständige Vorbereitung auf den möglichen Einsatz, etwa das vorsorgliche Anfahren der Wache, das Nachfragen bei den Führungskräften ob und wann es losgeht und, heutzutage natürlich auch, die Reaktion über die sozialen Medien ein erstes „Ventil“ sein, diesen Stress abzubauen. Vielleicht kann man ja helfen, indem man Infos und Hinweise zu dem Einsatz teilt. Das Prüfen dieser Infos fällt in so einer Situation oft schwer, man ist ja aufgeregt. Eine Falschmeldung macht dann schnell die Runde!

Stress sucht eben dieses Ventil. Das können Führungskräfte von Hilfsorganisationen und Feuerwehren auch in Bereitstellungsräumen beobachten. Man stelle sich vor, eine Einheit wird, nachdem bereits alle Einsatzkräfte aus den Medien von einem schlimmen Ereignis, einem Großeinsatz erfahren haben, alarmiert. Meist wird dann zunächst ein Bereitstellungsraum angefahren, und manchmal muss man sogar stundenlang dort warten. Manchmal ist die Situation dann recht unklar, keiner weiß genau, was als nächstes passiert. Aber die Infos aus den Medien sprudeln ununterbrochen weiter. Hier schreibt einer von unversorgten Verletzten, dort einer von weiteren Nachalarmierungen. Man selbst sitzt aber wie festgewurzelt auf einem Autobahnparkplatz. Irgendwo muss der Stress jetzt hin, irgendwas muss man tun. Und, neben nervösem Hinterfragen bei den Führungskräften, ob das alles so richtig ist was da passiert, könnten dann auch unüberlegte Äußerungen in den sozialen Medien die Folge sein. Die Folgen wurden oben beschrieben.

Bedürfnispyramide nach A. Maslow (Grafik: M. Ott)

Bedürfnispyramide nach A. Maslow (Grafik: M. Ott)

Die zweite wichtige Ursache ist psychisch bedingt: Jeder Mensch hat verschiedenste Bedürfnisse. Bei Einsatzkräften äußert sich das oft im „helfen wollen“. Dahinter stecken Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und sozialer Anerkennung. Werden diese nicht erfüllt, obwohl man glaubt es wäre jetzt an der Zeit dafür, entsteht auch dadurch Stress, mit den bekannten und oben beschriebenen Folgen. Mal ehrlich, wer kennt das nicht: Da ist ein großes Feuer im Nachbarort, und man hört, die Einsatzkräfte hätten gut zu tun. Man selbst sitzt zuhause rum, und man wüsste doch genau, dass man dort helfen könnte. Man hört von vielen Verletzten und überlaufenden Notaufnahmen, aber die eigene SEG ist immer noch nicht alarmiert. Das macht Stress und Anspannung, und die muss irgendwo hin!

Was kann man tun?

Die Antwort auf die Frage, was man tun kann, ist recht einfach: Sich und seine Kameraden entsprechend vorbereiten! Die möglichen Folgen von unbedachten Informationen und Spekulationen bei solchen Einsätzen im Vorfeld erklären. Im Einsatz selbst Informationen zur momentanen Situation der Einheit geben, auf Fragen antworten. Und ein paar einfache Regeln beherzigen:

  • Einsatztaktische Details bei FB posten während der Einsatz läuft ist unsinnig und ggf. gefährlich!
  • Einheiten die bei mutmaßlichen Terrorlagen Fotos von ihren Kräften beim Ausrücken oder gar im BSR posten gefährden die eigenen Leute!
  • Menschen die Spekulationen und Halbwahrheiten oder gar Falschmeldungen verbreiten helfen den falschen Leuten!

MO Training & Beratung und Wiesbaden112 bieten gemeinsame Presseseminare, die Euch helfen, Euch für kleine und große Einsätze vorzubereiten.

ott_010

Über den Autor Matthias Ott:
Geschäftsführer und Inhaber von MO Training & Beratung
Autor (z.B. „Effizient Führen!„)
Über 25 Jahre Erfahrung in Feuerwehr und Rettungsdienst – auch mit Einsatzerfahrung im Stab bei Großschadenslagen und Großveranstaltungen


Redaktion: Michael Ehresmann
Fotos: Matthias Ott, Michael Ehresmann, Twitter
Video:

Veröffentlichung: 17. November 2016 - 12:39 Uhr
Letzte Aktualisierung: 17. November 2016 - 13:20 Uhr
Tags: