Fotoreportage: Mehr als nur „Schneerettungsdienst“ – Die Pistenretter im Silvretta Montafon

Das Silvretta Montafon im Vorarlberg, Österreich, bezeichnet sich als „das sportlichste Skigebiet“. Mit 140 Pistenkilometern und zahlreichen Geländeabfahrten gehört es zu den zehn größten Skigebieten Österreichs. Die Pistenrettung, so mag man meinen, ist der „Rettungsdienst“, der bei Unfällen auf den Pisten zur Rettung eilt. Das ist aber nur ein kleiner Teil des Aufgabengebiets, wie ich lernen durfte, als ich die Pistenretter einen Tag mit der Kamera begleiten durfte.

Die Pistenretter im Montafon
Gerhard Säly ist Leiter der Pistenrettung. Als er mich um kurz nach 8 Uhr empfängt, ist er bereits seit knapp vier Stunden im Skigebiet unterwegs. Beurteilung der Lawinenlage, Lawinensprengungen und das Abfahren und Freigeben der gesicherten Pisten. Jeden Morgen das gleiche Procedere inklusive Besprechungen und Telefonkonferenzen mit den anderen Experten im weitläufigen Skigebiet. Alles wird bis ins kleinste Detail dokumentiert. Warum das notwendig ist, zeigt ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr. Ein Skifahrer fährt im freien Gelände, löst eine Lawine aus und wird knapp einen Kilometer in die Tiefe gerissen. Obwohl er nach 20 Minuten geortet und befreit ist, hatte er keine Überlebenschance. Die Lawinenlage war morgens beurteilt und als „mäßig“ eingestuft worden, jedoch mit dem Hinweis, das in Mulden eine erhöhte Gefahr herrscht. Genau in einer solchen Mulde brach die Lawine los. Die Staatsanwaltschaft untersucht in einem solchen Fall, ob der Verunglückte ausreichende Informationen und Warnungen haben konnte. Es stellte sich heraus: Die Experten der Pistenrettung hatten alles richtig gemacht.

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Gerhard Säly ist seit über 20 Jahren bei der Pistenrettung. An diesem Tag ist er mit Sebastian Leitner zusammen für das „Hochjoch“ zuständig. Mit dem längsten Skitunnel der Welt und der „Hochjoch Totale“, die 12 Kilometer Abfahrt mit 1700 Metern Höhenunterschied bietet, ein sehr beliebtes Gebiet bei Ski- und Snowboardfahrern. Auf den Pisten herrschen dank reichlich Neuschnee, Dauerfrost und gutem Wetter beste Bedingungen. Jedoch erhöht der Neuschnee die Lawinengefahr, die aktuell auf Stufe 3 „Erheblich“ ist. Viele Freerider sind erfahren und informieren sich im Infozentrum für Freerider über die Gefahren und richtige Verhaltensweisen. Die meisten Unfälle, so Säly, passieren Unerfahrenen, die „mal ins Gelände wollen“ und sich vielleicht durch Airbagrucksäcke und andere Hilfsmittel zu sicher fühlen. Die Suchmöglichkeiten sind tatsächlich sehr gut. Egal ob „Recco“ oder „Pieps“, die Meisten werden innerhalb kürzester Zeit gefunden. Doch das kann schon zu spät sein. Alle Lawinenabgänge werden von den Profis dokumentiert und untersucht.

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Etwa alle 10 Zentimeter Neuschnee sprengen die Pistenretter lawinengefährdete Bereiche um einem unkontrollierten Lawinenabgang zuvor zu kommen. Hier unterstützt sie der technische Fortschritt. Während früher bis zu zweistündige Skitouren zu einem Sprengpunkt nötig waren, können Sprengladungen inzwischen aus der Gondel oder dem Hubschrauber heraus abgeworfen werden. An besonders prägnanten Stellen stehen ferngesteuerte Abwurfstationen, die die Hänge auf bis zu 100 Metern Breite frei sprengen. Doch ab und an müssen Lawinenexperten doch zu Fuß in den Hang und dabei auch Mal eine Sprengladung „über Kopf“ werfen. „Dann hast Du vier Minuten um aus dem Hang zu kommen, sonst wirst du mitgerissen“ erklärt Sebastian Leitner. Daher gehen zur Sicherheit immer zwei Pistenretter zur Sprengung. Einer bleibt dabei im sicheren Bereich und warnt den Kollegen bei Gefahr oder kann ihn direkt orten und retten, wenn er doch selbst verschüttet wird. So geschehen wenige Tage vor meinem Besuch, als sich bei der Arbeit im Gelände eine Lawine löste und einen Pistenretter begräbt. Nach fünf Minuten war er von seinem Kollegen unverletzt gerettet. Für die Sprengungen werden im Skigebiet, in einem abgelegenen Bunker, über 2500kg Sprengstoff und verschiedene Zündvorrichtungen gelagert. Insgesamt fünf Tonnen Sprengstoff werden pro Skisaison benötigt.

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Auch für die gesicherten Pisten sind die Pistenretter verantwortlich. Sie geben die Pisten frei und zeichnen für die Kennzeichnung und Sicherheit verantwortlich. Alle 40 Meter soll spätestens ein Begrenzungspfahl die gesicherte Piste kennzeichnen. Manchmal werden sie umgefahren, manchmal fehlen andere Schilder. Sind künstliche Beschneiungsanlagen in Betrieb, müssen diese gesichert werden. Auch die Polsterung um Stahlpfosten wird regelmäßig erneuert. Aber auch unvorhergesehene Behinderungen, wie beispielsweise eine defekte Schneeraupe, werden von den Rettern abgesichert um allen Urlaubern ein Schneeerlebnis auf höchstem Sicherheitsniveau zu ermöglichen.

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Natürlich sind die Pistenretter jederzeit einsatzbereit. Mit Handy und Funkgerät können sie auf Ski oder Ski-Doo zu Unfällen eilen. Koordiniert werden sie von ihrer Leitzentrale im „Grasjoch“, die eng mit den Rettungsleitstellen und Rettungs- sowie Polizeihubschraubern vernetzt ist. Alle Pistenretter sind mindestens Rettungssanitäter, besonders geschult auf die speziellen Verhältnisse im hochalpinen Skigebiet. Viel wichtiger für den Job sind jedoch Umweltverständnis für die Lawinensituation und hervorragendes Können auf den Skiern. An Letzterem scheitert es bei den meisten Bewerbern. Einen Verletzten auf dem Schlitten („Akia“) sicher und schnell ins Tal zu bringen ist eine besondere Herausforderung. Meist werden die Verletzten jedoch sitzend auf dem Ski-Doo oder mit dem Hubschrauber abtransportiert. Natürlich sind die Pistenretter auch geschult um Verletzte per Hubschrauberwinde aus einem Hang zu retten (und ggf. zu orten).

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Viele kommen zur Station der Pistenrettung um sich ein Pflaster, eine Kopfschmerztablette oder Informationen zu holen. Doch auch an diesem Tag gibt es einen Notfall auf einer Piste. Die Leitstelle meldet eine Frau, die nach einem Sturz über Schulterschmerzen klagt. Säly schnappt sich den Rettungsrucksack und fährt auf Skiern voraus. Als ehemaliger Abfahrts-Profi kein Problem. Kollege Leitner kommt mit dem Ski-Doo nach, er ist im Skigebiet unterwegs. Vor Ort wird der Verletzten ein Armverband mit einem Dreiecktuch angelegt, es soll die Last von der verletzten Schulter nehmen. Säly erkennt schnell, dass es offenbar eine schwere Schulterverletzung ist, bei der eine Nervenschädigung droht. Außerdem ist die Niederländerin leicht benommen. Der Rettungshubschrauber aus dem Tal wird angefordert. Der inzwischen eingetroffene Kollege notiert derweil die Daten und macht einen geeigneten Landeplatz aus. Keine fünf Minuten später landet der Rettungshubschrauber auf der inzwischen gesperrten Piste. Die Verletzte wird sofort in eine Privatklinik am Fuß des Berges geflogen. Wie sich später herausstellt, hat sie einen komplizierten Bruch der Schulter. Auch die Kapsel ist verletzt. Noch am gleichen Abend wird sie operiert. Ein Rettungseinsatz der Pistenretter kostet immer 125 Euro, der Hubschrauber nochmal 1200 Euro. Insgesamt rund 10.000 Euro wird sie ihr Sturz insgesamt kosten, schätzt Säly.

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Neben der Dokumentation gibt es selbstverständlich auch eine Unfallursachenermittlung. Ist ein anderer Skifahrer beteiligt oder sogar Verursacher? Waren Alkohol oder Drogen im Spiel? In diesem Falle ist das zwar schnell ausgeschlossen, doch auch die Alpinpolizei ist ständig präsent und arbeitet eng mit den Pistenrettern zusammen. Die meisten Vergehen sind laut den Rettern im Drogenmissbrauch auf der Piste zu finden. Säly und Leitner sind froh, dass sich Alkoholekszesse im Montafon in Grenzen halten. Eher Selbstüberschätzung und ein übertriebenes Sicherheitsgefühl durch Helm und Rückenprotektoren sorgen für schweren Unfälle.  „Sie meinen sie seien unverwundbar, weil sie einen Helm und Rückenprotektor an haben“, sagt Säly in der „Mittagspause“, die natürlich in einsatzbereitschaft verbracht wird.

Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Die Pistenretter im Montafon
Um 16:30 Uhr werden die Pisten das letzte Mal kontrolliert. Erst dann ist Feierabend für die Pistenretter. 24 von ihnen sorgen im „sportlichsten Skigebiet“ für weit mehr als nur die Rettung im Notfall. Nach vier Arbeitstagen haben sie zwei Tage frei, wenn alles gut geht.

Vielen Dank an das Silvretta Montafon, die Pistenretter Gerhard Säly und Sebastian Leitner für die Möglichkeit, Euch uneingeschränkt und transparent zu begleiten. Der verunglückten Niederländerin, die der Veröffentlichung dankensweter Weise zugestimmt hat, wünschen wir weiterhin gute Genesung und dass sie ihre humorvolle Art behält.


Redaktion: Michael Ehresmann
Fotos: Michael Ehresmann
Video:

Veröffentlichung: 25. Januar 2017 - 12:57 Uhr
Letzte Aktualisierung: 25. Januar 2017 - 13:14 Uhr
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