Zu Besuch bei LNA und OLRD: Die Einsatzleitung Rettungsdienst

(thg) Ordnung des Raumes, Einrichten von Verletztensammelstellen oder das Festlegen eines Rettungsmittelhalteplatzes, Sichtung von mehreren Verletzten, Entscheidung über Behandlungs- und Transportprioritäten sowie das Festlegen der Zielkliniken. All das sind enorm wichtige Aufgaben die nicht dem Zufall überlassen werden dürfen. Hierbei benötigt man Erfahrung, Wissen und Professionalität – alles Eigenschaften die die Mitglieder der Einsatzleitung Rettungsdienst (EL-RD) Wiesbaden mitbringen und regelmäßig trainieren. Wiesbaden112 hat diese Einheit interviewt und sich die technische Ausstattung sowie den vorhandenen Fuhrpark einmal ganz genau zeigen lassen. Dr. Gisbert John (Beauftragter der LNA), Norbert Hagner (Beauftragter der OLRD) und Dr. Götz Brodermannn (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst) standen Rede und Antwort.

LNA und OLRD - Die Einsatzleitung RettungsdienstLNA und OLRD - Die Einsatzleitung Rettungsdienst

Nach den Vorschriften des Hessischen Rettungsdienstgesetzes ist zur Sicherstellung der rettungsdienstlichen Versorgung bei größeren Notfallereignissen unterhalb der Katastrophenschwelle für den Rettungsdienstbereich eine Einsatzleitung Rettungsdienst einzurichten. In Wiesbaden wurde diese Einsatzleitung 1994 ins Leben gerufen. Auf Initiative der Wiesbadener Hilfsorganisationen (ASB, DRK, JUH und MHD) stellte man mit eigenen Fahrzeugen und Ausrüstung diese Gruppe auf. Im Laufe der Zeit wurde sie immer weiter strukturiert und professionalisiert, sodass zum heutigen Tag 14 Leitende Notärzte (LNA ) und 10 Organisatorische Leiter Rettungsdienst (OLRD) mit zwei modernen und technisch hochwertig ausgestatteten Einsatzfahrzeugen die ständige Einsatzbereitschaft an 365 Tagen im Jahr garantieren.

Zu den Aufgaben des OLRD gehört in erster Linie die Ordnung des Raumes, sprich die Koordination und Organisation der Rettungskräfte, Einrichtung eines Rettungsmittelhalteplatzes sowie die Festlegung der Verletztensammelstellen. Dies geschieht unter Berücksichtigung der Gefahren an der Einsatzstelle und in enger Abstimmung mit dem Einsatzleitdienst (ELD) der Berufsfeuerwehr Wiesbaden.

Der LNA kümmert sich um die Koordination der medizinischen Maßnahmen, wie zum Beispiel die Feststellung von Art und Anzahl der Verletzten/Erkrankten, Bestimmung der Behandlungs- und Transportkapazitäten sowie der Transportziele.

Die EL-RD trägt die medizinische Gesamtverantwortung und ist gegenüber dem Personal des Rettungsdienstes weisungsberechtigt. Die Leitende Notärztin/der Leitende Notarzt sind dies fachlich auch gegenüber dem übrigen ärztlichen Personal und anderen an der medizinischen Versorgung Beteiligten. „Vier Augen und Ohren sehen und hören mehr als nur zwei“, kommentiert Norbert Hagner dieses Teamverhalten. Beim Zusammenwirken des Rettungsdiensts mit Einheiten des Brandschutzes wird die EL-RD Bestandteil der Technischen Einsatzleitung (TEL).

Im vergangen Jahr 2010 wurde die Führungseinheit insgesamt 21 Mal alarmiert, wovon fünf Alarmierungen wegen Feuer und sechs auf Grund von Verkehrsunfällen erfolgte. Brände und Verkehrsunfälle sind die Hauptalarmierungsgründe der EL-RD, wenn man sich die Statistik der letzten 20 Jahre ansieht. Die restlichen Alarmierungen fielen auf Ereignisse wie zum Beispiel Gefahrgut- oder Betreuungseinsätze, schwierige technische Rettungen oder auch der Flugzeugnotlandung in Erbenheim.

In der Alarm- und Ausrückeordnung Rettungsdienst (AAO-RD) sind die Einsatzindikationen für die Einsatzleitung Rettungsdienst festgelegt. Hierbei gibt es zum Beispiel folgende Einsatzkriterien:

  • an einem Schadensort sind mehr als zwei Notärzte eingesetzt
  • bei Rettungsdiensteinsätzen, bei denen mehr als drei Rettungsmittel eingesetzt werden (KTW, RTW, NEF, RTH)
  • an einem Schadensort sind mehr als fünf Verletzte notfallmedizinisch – rettungsdienstlich zu versorgen
  • auf Anforderung der rettungsdienstlichen Einsatzkräfte bzw. einer Einsatzleitung am Schadensort

Zudem kann der diensthabende Einsatzbearbeiter in der Leitstelle, in Absprache mit dem Lagedienst bzw. nach eigenem Ermessen (sogenannten „Softfacts“), die TEL-RD alarmieren.Dies hat den Vorteil einer frühzeitigen Alarmierungsmöglichkeit, die wiederum mit einer frühzeitigen Ordnung des Raumes und Sichtung der Patienten einhergeht. Als Beispiel sind Einsätze mit Gefahrstoffen zu nennen, bei denen eine gesundheitliche Gefährdung größerer Personenzahlen zu erwarten sind, oder Einsätze mit besonderem öffentlichen Interesse, sowie Evakuierungs- bzw. Umquartierungsmaßnahmen.

Um als Leitender Notarzt eingesetzt werden zu können, bedarf es einiger Voraussetzungen. Neben der ärztlichen Zusatzbezeichnung Notfallmedizin (früher Fachkunde Rettungsdienst), welche Grundlage für die eigenverantwortliche Tätigkeit als Notarzt im Rettungsdienst ist, benötigt der/die LNA/LNÄ eine Facharztqualifikation mit intensivmedizinischem Hintergrund, welche frühestens nach fünfjähriger Weiterbildung erworben werden kann. Desweitern ist die regelmäßige Teilnahme am Notarztdienst, sowie ein einwöchiger Zusatzlehrgang speziell für leitende Notärzte erforderlich. Um dann auch als LNA eingesetzt werden zu können, bedarf es einer Berufung durch die Landeshauptstadt Wiesbaden. Um die Qualifikation als LNA aufrecht zu erhalten, muss alle drei Jahre ein Wiederholungsseminar besucht werden.

Innerhalb der Landeshauptstadt Wiesbaden nimmt das Gesundheitsamt (Amt 53) die Trägeraufgaben für den Rettungsdienst wahr und ist damit der EL-RD fachlich, wie auch disziplinarisch vorgesetzt. Es dokumentiert die Fortbildungen und arbeitet Übungen, sowie Konzepte aus. Beauftragter der “Leitenden Notarzt Gruppe“ ist Dr.Gisbert John, Oberarzt an den Dr. Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) in Wiesbaden.

Um als OLRD eingesetzt werden zu können muss man die Ausbildung zum Rettungsassistenten absolviert und mehrere Jahre Berufserfahrung im Rettungsdienst gesammelt haben. Neben leitenden Aufgaben im Rettungsdienst bzw. Katastrophenschutz, muss man eine Zugführerausbildung vorweisen. Außerdem müssen umfangreiche Kenntnisse der Wiesbadener Infrastruktur vorhanden sein. Die eigentliche Ausbildung findet dann an der hessischen Landesfeuerwehrschule in Kassel statt. Darüber hinaus besteht eine jährliche Fortbildungspflicht von 16 Stunden, die zum Teil auch mit den LNA’s sowie dem Einsatzleitdienst der Berufsfeuerwehr gemeinsam gestaltet wird

In Wiesbaden gibt es eine zusätzliche Anforderung, die besagt, dass zusätzlich noch 38 Stunden Rettungsdienstfortbildung pro Jahr, inklusive der erweiterten Versorgungsmaßnahmen (EVM) absolviert werden müssen. Dies soll die medizinische Qualifikation, sowie die Akzeptanz bei den Kollegen aufrechterhalten. Der Beauftragte der OLRD-Gruppe Wiesbaden ist Norbert Hagner.

Grundsätzlich soll eine 24 Stunden Einsatzbereitschaft gewährleistet sein. Dies geschieht im Normalfall durch einen wöchentlichen Wechsel des Dienstes. Allerdings bietet dieses System eine flexible Wechselmöglichkeit an, um auch mal einen privaten Termin ungestört wahrnehmen zu können. Die sich ablösenden Kräfte tauschen in eigener Absprache von Zeit und Örtlichkeit das Fahrzeug und den Funkmeldeempfänger aus, wenn es sein muss auch nur stundenweise. Neben dem Funkmelder wird die Alarmierung auch über Handy(Personenalarmierungssystem = PAS)  sichergestellt, da nicht jeder LNA/OLRD im direkten Funkversorgungsgebiet von Wiesbaden wohnt. Die gesetzliche Vorgabe zur Erreichung der Einsatzstelle liegt in Hessen bei 30 Minuten – für Wiesbaden wurde intern die Vorgabe festgeschrieben, innerhalb von 20 Minuten an der Einsatzstelle zu sein. Diese Vorgabe wird aber in den meisten Fällen weit unterschritten. Im Jahr 2009 lag die durchschnittliche Ausrückezeit bei knapp 3,0 und die Anfahrtszeit bei knapp 7,5 Minuten.

Während der Bereitschaftszeit ist der normale Alltag durchaus eingeschränkt. Mal so eben ins Kino, spazieren oder joggen gehen, ist durch die ständige Zugriffsmöglichkeit zum Einsatzfahrzeug nicht immer einfach bzw. gar nicht möglich. „Da muss auch der Lebenspartner eine Menge Verständnis aufbringen“, so der ärztliche Leiter Dr. Götz Brodermann.

Als Einsatzfahrzeug stehen dem diensthabenden LNA und OLRD jeweils ein BMW vom Typ 3er Touring, mit einem 2-Liter Dieselaggregat und einer Leistung von 130 kW zur Verfügung. Es hat Allradantrieb und ein Automatikgetriebe. Das Auto ist ausgestattet mit einer Sondersignalanlage von Hella, Typ RTK6-SL in LED-Technik. Bei offenstehendem Kofferraum wird das Heck zusätzlich mit zwei, in die Innenverkleidung des Kofferraumdeckels integrierten, LED-Blitzern abgesichert.

Neben dem obligatorischen 4m-BOS Funkgerät sowie zwei 2m-Handsprechfunkgeräten, besitzt das Fahrzeug ein Navigationsgerät und diverse Ausrüstungsgegenstände für Großschadenslagen im Kofferraum. Die Fahrzeuge wurden im Oktober 2009, als Ersatz für zwei ältere Fahrzeuge, in Dienst gestellt. Die Fahrzeuge werden von der Berufsfeuerwehr (Abteilung Technik) gewartet und im Bedarfsfall repariert.

Um die Erkennbarkeit der EL-RD an der Einsatzstelle eindeutig sicherzustellen, sind die Mitglieder der EL-RD besonders gekennzeichnet. Der LNA trägt neben seiner persönlichen Schutzausrüstung eine weiße Weste mit der Aufschrift „Leitender Notarzt“. Der OLRD ist mit einer weißen Weste mit der Aufschrift „Organisatorischer Leiter“ gekennzeichnet. Da es für die Einsatzkräfte in Hessen eine genormte Helmkennzeichnung gibt, ist die EL-RD an einem Feuerwehrhelm mit blauem umlaufenden Ring zu erkennen.

Die Kosten für die EL-RD werden über die sogenannte Leitstellen-Gebühr refinanziert. Diese Gebühr wird pro Rettungsdienstlichem Einsatz durch die Leitstelle erhoben und von den Krankenkassen bezahlt.. Des Weiteren werden über diese Gebühr verschiede Kosten der Leitstelle finanziert.

In Wiesbaden wurde vor einiger Zeit ein neues MANV-Konzept (Massenanfall von Verletzten)  entwickelt und bereits in einigen Großübungen getestet (zum Beispiel bei der Großübung in der Brita-Arena), sowie in mehreren kleineren Einsätzen angewendet. Es beruht auf der Basis von sog. „ManV-Taschen“, die in allen Wiesbadener Notarzteinsatz-Fahrzeugen (NEF), sowie in den beiden Fahrzeugen der EL-RD mitgeführt werden und den erst- und nachrückenden Kräften anhand von dezidierten Checklisten feste Funktionen und Aufgaben zuweisen. Auch die Kennzeichnung dieser Mitarbeiter mittels farbiger Westen wird in den ManV-Taschen mitgeführt. Der zentrale Punkt dieses Konzeptes sind vier Schlüsselfunktionen, die in der Anfangsphase des Einsatzes schnellstmöglich besetzt und ausgeführt werden:

  • Sichtungsarzt (wird vom Notarzt des ersteintreffenden NEF übernommen). Seine Aufgabe ist die schnellstmögliche erste Sichtung der Patienten ohne eine Versorgung durchzuführen. Er ordnet – je nach Schwere der Verletzung – den Patienten in die Kategorie ROT, GELB oder GRÜN ein. Die Farben stehen für die Dringlichkeit der Versorgungsmaßnahmen. GRÜN bedeutet, dass die Verletzung nur gering ist und eine Versorgung nicht unmittelbar erfolgen muss. Patienten der Kategorie GELB sind mittelschwer bis schwer verletzt, jedoch mit einer aufgeschobenen Behandlungsdringlichkeit. Patienten mit der Einstufung Kategorie ROT müssen unmittelbar und sofort behandelt werden. Ihre Verletzung/Erkrankung ist so schwerwiegend, dass kein Behandlungsaufschub erfolgen darf.
  • Kommissarischer OLRD (wird vom Rettungsassistent des ersteintreffenden NEF übernommen). Seine Aufgabe ist die Ordnung des Raums, bis der eigentliche diensthabende OLRD an der Einsatzstelle eintrifft. Er soll in Absprache mit dem ELD der BF den Rettungsmittelhalteplatz sowie die Verletztensammelstellen frühestmöglich festlegen.
  • Sichtungsassistent (wird vom Fahrer des ersteintreffenden RTW übernommen). Er unterstützt den Sichtungsarzt während der Sichtungsmaßnahme, in dem er die farbigen Bändchen am Patienten befestigt.
  • Abschnittsleiter Rettungsmittelhalteplatz (wird vom Rettungsassistent des ersteintreffenden RTW übernommen). Er kümmert sich – wie das Wort schon ziemlich genau beschreibt – um das Einrichten und den Betrieb des Rettungsmittelhalteplatzes.

Diese vier Funktionen sollen bis zum Eintreffen der Einsatzleitung  Rettungsdienst die Einsatzstelle möglichst schnell vorstrukturieren.

Um eine optimale Verteilung der Patienten auf die Kliniken zu erreichen, verwendet man seit geraumer Zeit ein  sog. Ticket-System, dass von den Ärztlichen Leitern Rettungsdienst  (ÄLRD) in Hessen entwickelt wurde. Die Tickets  bilden die Aufnahmekapazitäten aller Krankenhäuser in Hessen aller Behandlungskategorien (Rot, Gelb, Grün) ab. Durch das Ticketsystem wird eine schnelle und zielgerichtete Klinikzuweisung der gesichteten und vorbehandelten Patienten sichergestellt.

Die Landeshauptstadt Wiesbaden kann mittlerweile auf eine langjährige Erfahrung im Bereich der rettungsdienstlichen Einsatzführung zurückblicken. Durch kontinuierliche Verbesserungsprozesse im Rahmen der Entwicklung von differenzierten Einsatzkonzepten ist Wiesbaden für rettungsdienstliche Großschadensereignisse gut vorbereitet.

Wir bedanken uns bei Dr. Götz Brodermann und Norbert Hagner für die tatkräftige Unterstützung, ohne die dieser Bericht nicht möglich gewesen wäre.

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Redaktion: Thorsten Grüner
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Veröffentlichung: 13. August 2011 - 14:43 Uhr
Letzte Aktualisierung: 26. Oktober 2015 - 17:46 Uhr
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