„Die Feuerwehr ist schuld“ – Schuldzuweisungen gegen Feuerwehr leider üblich

(sc) Nicht erst seit dem traurigen Brandunglück in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) müssen Feuerwehrleute in der Öffentlichkeit ihren Kopf hinhalten und werden beschuldigt zu spät eingetroffen oder falsch gehandelt zu haben. Der hessische Kommunikationsexperte und Journalist Martin Lutz erklärt in einer Pressemitteilung, anlässlich eines Brandes in Wetzlar, warum die „Feuerwehr“ am Einsatzort als „Schuldiger“ dargestellt wird.

(ots) „Es ist praktisch bei jedem Brandeinsatz der Fall, bei dem Menschen zu Schaden kommen oder größere Sachwerte zerstört werden, dass eine imaginäre Schuld auf einen anonymen Dritten projiziert wird. Und ‘die Feuerwehr’ als abstraktes Konstrukt bietet sich hierzu leider an. Menschen, die von einem solch tragischen Schicksalsschlag getroffen sind oder Zeuge eines derartigen Ereignisses werden, durchleben verschiedene Phasen, um mit dem erlebten umzugehen.“ So sei den Menschen, die diesen Vorwurf machen, dieses auch nicht zur Last zu legen, wenn gleich unstrittig ist, dass der Vorwurf an sich gegen eine Feuerwehr, die so gut ist wie die Wetzlarer, keine Substanz hat. Dass die Helfer regelmäßig beschuldigt werden, ist ein nicht zu lösendes Dilemma, das der Situation geschuldet sei. „Man könne lediglich die Helferinnen und Helfer darauf vorbereiten, um Eskalationen zu vermeiden.“ so Lutz.

Warum diese Mechanismen so sind, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Es gibt hierzu drei Erklärungsmodelle, die die heftigen Irrationalen Vorwürfe, aber auch den Verlust von Raum- und Zeitgefühl führen, so Lutz.

Zum einen finden Menschen von heute den Kontakt mir Urgewallten – Feuer, Hochwasser, Unwetter, aber auch dem Tod – weitestgehend nicht mehr. Es ist etwas unbekanntes, unkontrollierbares, das weit außerhalb des Erkenntnis- und Erfahrungsschatz eines modernen Menschen liegt. Gegenüber solchen Gewalten kommt es zum Kontrollverlust, den wir so schnell wie möglich abzuschalten oder wenigstens zu rechtfertigen versuchen.

Zum zweiten ist die ‘die Feuerwehr’ ein anonymes Konstrukt, dem gegenüber Bürger eine große, gelegentlich extrem überzogene Erwartungshaltung haben. Der Kontakt zwischen Feuerwehr und Gesellschaft hat sich in den vergangenen Dekaden deutlich gelöst. Viele Bürger wissen daher nicht, dass eine ersteintreffende Feuerwehr vor allem anderen sorgfältig die Lage erkunden, eine Infrastruktur aufbauen und sich mit Eigenschutz ausstatten muss, um selbst nicht zu Schaden zu kommen. Das dauert, ein, zwei Minuten, aber kommt umherstehenden aufgrund des aktuellen Erlebens wie eine Ewigkeit vor. Zudem ist nach dieser Theorie die Wahrnehmung über die Feuerwehrangehörigen die einer anonymen Masse und nicht die einzelner Individuen. Denen würde man nämlich – Auge in Auge – nicht einen solchen Vorwurf machen.

Die dritte These ist, dass große Feuer verheerende Urgewalten sind, und wer davon in einer übermächtigen, nicht kontrollierbaren Form konfrontiert werde, bei dem schlagen automatisch tiefe archaischen Instinkte unserer Vorfahren durch: Die Angst vor ungezähmten Feuer, vor Urgewalten. “Dem kann sich auch kaum einer entziehen.”.

Die Frage, warum derartige Vorwürfe z.B. bei Verkehrsunfällen weder in dieser Quantität, noch in der Qualität vorkommt, kann Lutz ebenfalls an den vorgenannten Beispielen beantworten: “Zum einen nehmen wir Verkehrsunfälle nicht als übermächtige Naturgewalt wahr, wir sehen ständig Crash-Tests im Fernsehen und Unfälle auf den Straßen. Das haben wir innerlich akzeptiert. Außerdem sind bei Verkehrsunfällen extrem schnell und für Außenstehende sehr sichtbar professionelle Helfer nach deren Eintreffen beim Patienten, die Rettung bei einem Verkehrsunfall ist eine hoch standardisierte Lage, die in der Regel blitzschnell an- und abgearbeitet wird. Zudem ist der Mechanismus Verkehrsunfall ‘modern’ und hat deutlich weniger archaische Züge und ist weniger instinktbehaftet.”

Daher kommt es, dass solche Vorwürfe erklärbar sind, auch wenn ihnen die Substanz fehlt. Gut ausgebildete Feuerwehrleute sind auf solche Vorwürfe vorbereitet und verstehen die Mechanismen, die dahinter stecken. “Von diesem Wissen abgesehen verletzt ein solcher Vorwurf natürlich trotzdem jeden Rettungsprofi sehr, zumal wenn ein Kind ums Leben gekommen ist, obwohl man gerade sein äußerstes unter Einsatz des eigenen Lebens unternommen hat.”

Wichtig, so Lutz, sei es bei solchen Szenarien frühzeitig aktiv mit viel Sachlichkeit und sehr empathisch auf die Öffentlichkeit zuzugehen und das Gespräch zu suchen. „Es ist meist schon in der ganz frühen Anlaufphase klar, was hinterher für Vorwürfe kommen.“ so Lutz. Viele Bürgermeister als “oberste Gefahrenabwehrer” und Spitzenkräfte der Feuerwehren sind für solche Situationen speziell ausgebildet und trainiert, um bei solchen Lagen in ihren öffentlichen Äußerungen klar und unmissverständlich auf den Punkt zu kommen. “Hier kommt es auf die trainierte Kommunikationskompetenz in Ausnahmesituationen an” so Lutz. Sanft genug, ohne durch Auftreten oder Wortwahl zu verletzen, entschlossen und durchsetzungsstark, um Bürgerinnen und Bürgern gegenüber keinen Zweifel aufkommen zu lassen, dass die Lage in Griff kommt. “Das ist sehr schwer, selbst mit den obersten Führungschargen von Werk- und Berufsfeuerwehren in meinem Klientenkreis muss ich das ein- bis zweimal pro Jahr üben, damit eine gut gemeinte, aber schlecht vorgetragene Äußerung die ohnehin schrecklichen Situationen nicht noch verschlimmert.”

Text: Stefan Cimander / PublicElements


Redaktion: gastautor
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Veröffentlichung: 28. Juli 2008 - 23:57 Uhr
Letzte Aktualisierung: 28. Juli 2008 - 23:57 Uhr
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